Artikel in den OÖ Nachrichten vom 07. Oktober 2026
Der Vergleich mit anderen kann anspornen oder kleinmachen
In unserer Gesellschaft spielen Leistung, Aussehen und Status eine große Rolle. Da ist ein Vergleich mit anderen schnell gemacht. Sich zu vergleichen, ist etwas völlig Menschliches, kann aber erheblichen Druck erzeugen. Die psychosoziale Beraterin Maria Reischauer findet die Orientierung an anderen dann problematisch, wenn man sich dabei selbst be- oder gar abwertet.
Warum fühlen wir uns nach einem Vergleich häufig schlechter als zuvor?
Maria Reischauer: Weil der Vergleich häufig nicht unter gleichen Voraussetzungen stattfindet. Wir kennen unsere eigenen Zweifel, Fehler und schwierigen Tage sehr genau. Von anderen sehen wir hingegen meist nur einen Ausschnitt. In den sozialen Medien sind es sorgfältig ausgewählte Bilder und Erfolgsgeschichten. Dadurch entsteht leicht die Illusion, andere hätten ihr Leben besser im Griff.
Welche Bedeutung hat dabei der eigene Selbstwert?
Eine zentrale. Je stärker der eigene Selbstwert von äußerer Anerkennung und Leistung abhängig ist, desto verletzlicher reagiert man auf Vergleiche. Die Leistung eines anderen wird dann nicht einfach als dessen Erfolg wahrgenommen, sondern unbewusst als Aussage über die eigene Person interpretiert. Ein stabiles Selbstwertgefühl bedeutet, den eigenen Wert nicht ständig beweisen zu müssen.
Kann Vergleichen auch etwas Positives bewirken?
Absolut. Vergleiche können Orientierung geben, motivieren und neue Perspektiven eröffnen. Die Frage „Was kann ich von dieser Person lernen, was bringt mir das?“ ist wesentlich konstruktiver als „Warum bin ich nicht so erfolgreich wie sie?“. Der entscheidende Unterschied liegt darin, ob der Vergleich zur persönlichen Entwicklung beiträgt oder zur Selbstabwertung führt.
Wie können wir aus dieser Vergleichsspirale aussteigen?
Indem wir zunächst erkennen, wann und wodurch sie ausgelöst wird. Welche Inhalte oder Situationen lassen mich an mir zweifeln? Welche Erwartungen habe ich an mich selbst? Im nächsten Schritt lohnt es sich, den Blick bewusst auf die eigene Entwicklung zu richten. Nicht: „Wo stehe ich im Vergleich zu anderen?“, sondern: „Wo stehe ich heute im Vergleich zu mir selbst?“ Wenn durch soziale Medien Druck entsteht, kann man den Konsum einschränken.
Wie sieht ein gesunder Umgang mit Vergleichen aus?
Andere Menschen können eine Inspirationsquelle sein, sollten aber nicht zum Maßstab des eigenen Lebens werden. Jeder hat andere Voraussetzungen, Erfahrungen, Bedürfnisse und Lebensziele. Zufriedenheit entsteht, wenn das eigene Leben nach den persönlichen Werten gestaltet wird. Und nicht dadurch besser als andere zu sein. Die vielleicht wichtigste Frage lautet daher: „Ist mein Leben für mich stimmig?“

Maria Reischauer
Psychosoziale Beratung Wels
Telefon: 07242 / 9001 11
www.reischauer.at

