Herz über Kopf?

19.11.2025
Herz über Kopf?

Der emotionale Faktor bei Unternehmensnachfolgen

Wenn es um Unternehmensnachfolge geht, kreisen die Gespräche meist um harte Fakten: Bewertungen, Verträge, Steuern, Finanzierung. Was jedoch oft im Schatten bleibt – und dennoch entscheidend über das Gelingen oder Scheitern einer Übergabe mitbestimmt – sind die Emotionen. Die Übergabe eines Familienunternehmens ist nicht nur ein wirtschaftlicher Vorgang, sondern ein tief emotionaler Prozess. Angst, Loyalität, Stolz, Kränkung oder Unsicherheit sind ständige Begleiter, die, wenn sie ignoriert werden, zu erheblichen Konflikten führen können. Der Beitrag beleuchtet die psychologischen Dynamiken in Übergabeprozessen und zeigt auf, wie Beratung hier sensibel und wirksam unterstützen kann.

Abschied und Aufbruch – die emotionale Logik hinter Übergaben

Für Unternehmer:innen, die ihr Lebenswerk abgeben, bedeutet eine Nachfolge oft mehr als nur einen neuen Namen auf dem Türschild. Es geht um Identität, Anerkennung und den eigenen Platz im Leben nach dem Rückzug. Viele Gründer:innen haben ihr Unternehmen über Jahrzehnte aufgebaut – die Firma ist ein Teil von ihnen geworden. Die Angst vor dem Kontrollverlust, die Sorge, nicht mehr gebraucht zu werden, oder die Unsicherheit darüber, ob die Nachfolge das Erbe im eigenen Sinne weiterführt, können lähmend wirken. Diese Gefühle äußern sich selten direkt, sondern über indirekte Verhaltensmuster: Verzögerungen, Rückzieher, plötzliche Richtungswechsel.

Auf der anderen Seite stehen Nachfolger:innen – oft Familienmitglieder –, die ihren eigenen Platz im Unternehmen finden müssen. Sie sehen sich häufig mit überhöhten Erwartungen oder subtilen Loyalitätskonflikten konfrontiert. Darf man etwas verändern, ohne das Lebenswerk der Eltern zu „verraten“? Wie geht man mit dem latent mitschwingenden Vergleich um? All das sind Fragen, die selten laut gestellt, aber emotional präsent sind.

Hier hilft es, sich das Vier-Phasen-Modell des Wandels (nach Lewin/Kübler-Ross) vor Augen zu führen, das sich auch in Übergabeprozessen zeigt:

  1. Schock & Verleugnung: Der Gedanke an den Abschied wird verdrängt, Nachfolge erscheint zu früh oder nicht notwendig.
  2. Emotionale Reaktion: Wut, Angst, Trauer oder Widerstand brechen auf – oft unkontrolliert und schwer einzuordnen.
  3. Rationale Einsicht: Erste Akzeptanz, Planung wird konkreter, Rollen werden diskutiert.
  4. Integration & Neuanfang: Der Übergang ist vollzogen, neue Identitäten entstehen, das Unternehmen richtet sich neu aus.

Übergabeberatung muss diese emotionalen Phasen erkennen und respektieren – und sowohl Übergeber:innen als auch Nachfolger:innen auf diesem Weg begleiten.

Vom Konflikt zur Klarheit – Emotionen professionell begleiten

Eine der häufigsten Ursachen für gescheiterte Übergaben sind nicht etwa wirtschaftliche Hindernisse, sondern eskalierende familiäre Konflikte. Diese entstehen oft aus unausgesprochenen Erwartungen und verletzten Emotionen. Hier braucht es Raum für offene Gespräche – jedoch nicht im klassischen Familienkreis, sondern in professionell moderierten Settings.

Erfahrene Berater:innen setzen dazu auf Methoden wie die systemische Aufstellung, zirkuläre Fragen oder mehrstufige Familiengespräche mit klaren Rollen. Ziel ist es, die verschiedenen Perspektiven sichtbar zu machen und zu einem gegenseitigen Verstehen zu führen – nicht notwendigerweise zu Harmonie, aber zu Klarheit.

Ein anonymisiertes Fallbeispiel zeigt das Potenzial:

In einer Unternehmerfamilie mit zwei Kindern, von denen nur eines bereit zur Übernahme war, schwelte ein stiller Konflikt zwischen Geschwistern. Die Eltern vermieden das Gespräch aus Angst, ein Kind zu verletzen. Erst durch externe Moderation gelang es, Wünsche, Sorgen und unausgesprochene Verletzungen zu artikulieren. Am Ende stand ein tragfähiges Modell: die Übernahme durch das interessierte Kind, flankiert von einer gerechten Vermögensregelung und einer neuen Rolle für das andere Kind außerhalb des Unternehmens.

Berater:innen müssen in solchen Prozessen oft mehr Moderationskompetenz und psychologisches Feingefühl als rein wirtschaftliches Wissen einbringen. Emotionale Intelligenz wird zur Schlüsselkompetenz. Denn nur wenn Emotionen benannt und bearbeitet werden, kann der Übergabeprozess wirklich tragfähig gestaltet werden.

Erfolgsfaktor Mensch – Emotionen als Gestaltungskraft nutzen

Statt Emotionen als Störfaktor zu sehen, sollten wir sie als wertvolle Ressource begreifen. Sie geben Hinweise auf das, was den Beteiligten wirklich wichtig ist. Wer sie ernst nimmt, kann Übergaben gestalten, die nicht nur wirtschaftlich funktionieren, sondern auch die Beziehungen innerhalb der Familie erhalten.

Für Unternehmerfamilien bedeutet das: Frühzeitig sprechen, ehrlich sein, externe Begleitung zulassen. Für Berater:innen: Zuhören, Unsichtbares sichtbar machen, die Emotionen nicht fürchten, sondern methodisch einbinden.

Denn am Ende entscheidet nicht nur die Qualität des Vertrags, sondern vor allem die Qualität der Beziehungen darüber, ob eine Übergabe gelingt. Wer den emotionalen Faktor ernst nimmt, schafft nicht nur erfolgreiche Nachfolgen – sondern auch bleibendes Vertrauen.

Maria Reischauer
(Geschäftsführerin Reischauer Consulting, Coach, Mediatorin, Supervisorin)

Maria Reischauer
Autor

Maria Reischauer

Geschäftsführerin

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