Blog 13: Die familiäre Sorgfaltsprüfung: Warum auch eine Übergabe innerhalb der Familie harte Fakten braucht

07.09.2026
Blog 13: Die familiäre Sorgfaltsprüfung: Warum auch eine Übergabe innerhalb der Familie harte Fakten braucht

Wenn ein Betrieb an externe Personen veräußert wird, ist der Ablauf meist vollkommen klar. Bevor auch nur ein einziger Cent fließt, durchleuchtet die Käuferseite das gesamte Unternehmen mit eigenen Fachleuten. Es werden Bilanzen geprüft, Verträge auf ihre Risiken abgeklopft und sämtliche Altlasten aufgedeckt. Dieser Vorgang der genauen Sorgfaltsprüfung ist der absolute Standard in der Wirtschaft. Wenn jedoch ein Unternehmen innerhalb der eigenen Familie übergeben oder verschenkt wird, wird auf genau diese tiefgehende Prüfung erstaunlich oft verzichtet. Man verlässt sich auf die gegenseitige Zuneigung und das blinde Vertrauen. Doch diese Gutgläubigkeit ist ein massiver Irrtum, der nicht selten zum Ruin des Betriebes und zur Zerstörung der gesamten Familienstruktur führt. Auch und gerade in Familienbetrieben ist eine schonungslose, objektive Bestandsaufnahme vor der Übergabe die einzige Möglichkeit, sich gegen spätere Katastrophen abzusichern.

Warum eine Schenkung kein Freibrief ist
Viele Eltern glauben, sie tun ihrem Kind einen großen Gefallen, wenn sie den Betrieb völlig unentgeltlich überschreiben. „Es kostet ja nix, also muss man auch nicht so genau hinsehen.“ Das ist ein fataler Trugschluss. Wer einen Betrieb übernimmt, erbt in der Regel nicht nur die Kunden und die Maschinen, sondern auch sämtliche Verpflichtungen, Haftungen und unternehmerischen Risiken aus der Vergangenheit. Wenn in den alten Gesellschaftsverträgen versteckte Fehler schlummern, wenn das Finanzamt bei einer Betriebsprüfung plötzliche Steuernachzahlungen für die vergangenen Jahre fordert oder wenn alte Gewährleistungsansprüche von Kunden schlagend werden, steht plötzlich die junge Generation in der vollen rechtlichen Verantwortung. Ohne eine saubere Prüfung vorab übernimmt der Nachfolger im schlimmsten Fall ein unberechenbares Risiko, das ihn seine eigene private Zukunft kosten kann.

Gefühlte Ungerechtigkeit als größtes Risiko
Der zweite, noch wesentlich gefährlichere Aspekt betrifft die übrigen Familienmitglieder. Wenn ein Kind den Betrieb erhält und die anderen Kinder anderweitig abgefunden werden sollen, regiert oft das bloße Bauchgefühl. Es werden Werte geschätzt, die jeder objektiven Grundlage entbehren. Die nicht übernehmenden Geschwister fühlen sich schnell übervorteilt und haben das Gefühl einer kalten Enteignung. Solche ungeklärten Ungerechtigkeiten schwelen oft jahrelang im Verborgenen. Wenn dann nach dem Ableben der Eltern das Testament eröffnet wird, kommt es zur großen Explosion. Klagen auf den gesetzlichen Pflichtteil können die neue Unternehmensführung über Nacht in den finanziellen Ruin treiben, weil die plötzlichen Ausgleichszahlungen an die Geschwister jede wirtschaftliche Kraft des Unternehmens übersteigen. Das macht am meisten Sinn, das vorher am runden Tisch zu klären.

Alle Zahlen müssen auf den Tisch
Die Lösung für diese Gefahren liegt in der sogenannten familiären Sorgfaltsprüfung. Diese fordert, dass auch bei Schenkungen innerhalb der Familie exakt dieselben strengen Maßstäbe angelegt werden wie bei einem Verkauf an Fremde. Ein unabhängiger Sachverständiger muss den wahren Ertragswert des Unternehmens neutral und nachvollziehbar berechnen. Diese harten Zahlen bilden die einzige faire Grundlage, um Ausgleichszahlungen an weichende Erben festzulegen. Es muss geprüft werden, ob diese Zahlungen aus den laufenden Erträgen der Firma überhaupt geleistet werden können, ohne das Überleben des Betriebes zu gefährden. Wenn das nicht der Fall ist, müssen neue, verträgliche Wege gefunden werden, denn sonst bricht alles zusammen.

Der moderierte Familienrat
Sobald alle Fakten und Zahlen offenliegen, müssen sie gemeinsam besprochen werden. Dies geschieht am besten im Rahmen eines strukturierten Familienrates, der von einer neutralen Fachperson geleitet wird. Hier müssen alle Erwartungen, Ängste und Ansprüche offen ausgesprochen werden. Die Regel lautet: Klarheit vor Harmonie. Es ist wesentlich besser, einmal vor der Übergabe sachlich und hart in der Sache zu streiten, als Jahrzehnte später vor einem Richter zu enden. Das Ziel dieses Rates ist ein gemeinsamer Vertrag, in dem alle Geschwister rechtsgültig auf weitere Forderungen verzichten, weil eine von allen als fair empfundene Lösung gefunden wurde.

Sicherheit für das sonntägliche Mittagessen
Eine professionelle Prüfung und schonungslose Offenlegung aller Risiken ist kein Zeichen von familiärem Misstrauen. Ganz im Gegenteil: Sie ist der größte Liebesbeweis, den Sie Ihren Kindern erbringen können. Sie bewahren den Übernehmer vor unkalkulierbaren Schulden und die anderen Kinder vor dem quälenden Gefühl der Benachteiligung. Nur wenn alle rechtlichen und wirtschaftlichen Fallstricke beseitigt sind, haben wir die Sicherheit, dass die gesamte Familie auch in vielen Jahren noch friedlich und voller Respekt gemeinsam am Sonntagstisch sitzt.

Im nächsten Beitrag widmen wir uns dem wohl schwierigsten persönlichen Schritt:
Dem echten Loslassen und wie Sie als ehemalige Führungskraft eine neue, erfüllende Rolle für Ihre Zukunft finden.

Dr. Thomas Reischauer, MBA
Autor

Dr. Thomas Reischauer, MBA

Geschäftsführer

Erfolg hat nur der, der etwas unternimmt, während er seinen Erfolg ansteuert.