Blog 1: Zu spät angefangen – Die teuerste Verzögerung

09.02.2026
Blog 1: Zu spät angefangen – Die teuerste Verzögerung

Manfred ist 63 Jahre alt und führt seit 35 Jahren die solide Werkstatt seines Vaters. Mit 15 Mitarbeitern leitet er ein ertragreiches Unternehmen, doch der Gedanke an die Pension macht ihm Angst. Die Arbeit ist sein Leben, seine Identität und sein täglicher Rhythmus, weshalb er das Thema Nachfolge mit dem Satz „Wenn ich 70 bin, fange ich an zu planen“ einfach vor sich herschiebt. Diese Geschichte spielt sich in Österreich tausendfach ab, doch genau in diesem Zögern liegt ein fataler Fehler, der oft das Lebenswerk zerstört.

Warum Zeit zum entscheidenden Gegner wird

Das durchschnittliche Alter bei einer Betriebsübergabe liegt in Österreich bei 65,4 Jahren. Was zunächst vernünftig klingt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als riskant, da ab diesem Alter kaum noch Zeit für eine strukturierte Planung bleibt. Die Betriebsnachfolge-Studie von 2022 verdeutlicht das Risiko: Unternehmen, die weniger als zwei Jahre vor der Übergabe mit der Planung beginnen, scheitern dreimal häufiger als jene, die sich fünf bis sieben Jahre Zeit nehmen.

Eine durchdachte Übergabe ist kein einzelnes Ereignis, sondern ein Prozess aus vielen Etappen. Zunächst muss das Unternehmen analysiert und „nachfolgefähig“ gemacht werden, was oft ein ganzes Jahr in Anspruch nimmt. Hinzu kommen Monate für externe Beratungen zu Steuern, Recht und Bewertung sowie die notwendige Anpassung von Gesellschafterverträgen. Besonders zeitintensiv ist die Suche oder Entwicklung eines geeigneten Nachfolgers, die bis zu zwei Jahre dauern kann, gefolgt von einer ebenso langen Phase der aktiven Doppelbesetzung während des Übergangs. Wer erst mit 65 Jahren an den Start geht, hat schlichtweg keine Reserven mehr für unvorhersehbare Probleme wie geplatzte Finanzierungen, familiäre Konflikte oder den plötzlichen Absprung eines Nachfolgers.

Bildtext: Die zeitliche Dimension der Nachfolge – Planungssicherheit entsteht durch einen strukturierten Vorlauf von bis zu sieben Jahren.

Die Faustregel: Wie früh ist früh genug?

Startet man mit 50–55 Jahren mit der Planung, hat man 10–15 Jahre Zeit. Das klingt viel, aber bei einer 35-jährigen Karriere ist das nicht überambitioniert – das ist Standard für Profis.

Zeitrahmen für strukturierte Übergabe:

PhaseZeitrahmenStart-Alter (Ziel 65)
Vorbereitung & Analyse6–12 Monate55–60
Externe Fachberatung3–6 Monate55–60
Strukturelle Optimierung6–12 Monate54–59
Nachfolger entwickeln / suchen6–24 Monate52–58
Verhandlung & Finanzierung2–6 Monate51–57
Übergabeprozess (aktiv mit Nachfolger)12–24 Monate50–56

Daraus folgt: Wenn du mit 65 komplett fertig sein willst, musst du spätestens mit 50–52 Jahren anfangen zu denken. Mit 55 muss die konkrete Planung laufen. Mit 60 sollte die Umsetzung bereits im vollen Gang sein.

Die Psychologie des Aufschubs und ihre Folgen

Dass erfahrene Unternehmer wie Manfred zögern, liegt selten an mangelnder Intelligenz, sondern vielmehr an emotionaler Vermeidung. Das Loslassen bedeutet, die vertraute Macht, die tägliche Struktur und das Gefühl, relevant zu sein, aufzugeben. Doch das Aufschieben macht die emotionale Verarbeitung nicht einfacher. Während man mit 55 Jahren noch ein Jahrzehnt Zeit hat, seine Rolle neu zu definieren, führt ein überstürzter Prozess mit 65 oft zu völliger emotionaler Überforderung.

Die wirtschaftlichen Folgen dieses Zögerns sind massiv. Käufer riechen Zeitdruck sofort, was den Verhandlungsspielraum einschränkt und den Kaufpreis oft um 15 bis 25 Prozent drückt. Zusammen mit versäumten steuerlichen Optimierungen und dem Risiko, dass Schlüsselmitarbeiter oder Kunden aus Unsicherheit abwandern, entstehen schnell Gesamtkosten, je nach Unternehmensgröße und Rentabilität, zwischen 100.000 und 500.000 Euro. Sogar das private Umfeld leidet: Der Stress einer überhasteten Übergabe führt nachweislich zu höheren Belastungen in der Partnerschaft und zu Zerreißproben innerhalb der Familie.

Der Kontrast zwischen belastendem Stillstand und der gemeinsamen, strukturierten Vorbereitung der Zukunft.

Den ersten Schritt rechtzeitig setzen

Es gibt klare Warnsignale, die signalisieren, dass es Zeit zum Handeln ist. Wenn die eigene Energie nachlässt, Investitionen aufgeschoben werden oder die Digitalisierung der Branche nur noch anstrengend wirkt, ist dies kein Grund zur Panik, sondern ein Zeichen für notwendige Verjüngung. Auch wenn die Kinder das richtige Alter erreichen oder man öfter von Reisen und Zeit mit der Familie träumt, sollte die Planung beginnen.

Der praktische Einstieg ist unkompliziert: Er beginnt mit einer ehrlichen Selbstreflexion über das gewünschte Ruhestandsalter. Im Frühjahr 2026 sollten erste Termine mit Fachberatern für Strategie und Steuern stattfinden, um bis Mai einen groben Zeitrahmen für die nächsten drei Jahre zu skizzieren. Eine Unternehmensnachfolge gleicht einem großen Baum: Mit genügend Vorlauf kann man den Boden bereiten und ihn vorsichtig verpflanzen, damit er an neuer Stelle gedeiht. Wer ihn jedoch in nur zwei Jahren aus der Erde reißt, riskiert, dass er nicht mehr anwächst. Die beste Zeit für den Start war vor fünf Jahren, die zweitbeste Zeit ist jetzt.

Dr. Thomas Reischauer, MBA
Autor

Dr. Thomas Reischauer, MBA

Geschäftsführer

Erfolg hat nur der, der etwas unternimmt, während er seinen Erfolg ansteuert.